Häute

Ein Experiment. Entstehungsphase einer Idee.

„Bei ihm wusste ich es sofort.“

* Warum?

„Das kann ich nicht sagen. Ich hatte es einfach im Gefühl.“

* Vielleicht hatten Sie dieses – Gefühl aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit zu ihm?

„Vielleicht.“

Stille. Die Uhr tickt weiter.

* Eine schöne Uhr.

„Ja.“

* Ist das Gefühl beschreibbar?“

„Es war auch ein Einverständnis.“

* Wie soll ich das verstehen?

„Ich spürte, wie es ihm geht. Er sah das.“

* Warum?

„Ich weiß nicht.“

* Wussten es die anderen auch?

„Das ist ein Witz.“

* Ja oder nein?

„Natürlich nicht. Sie haben schlecht über ihn geredet. Wie sie es über mich später auch getan haben.“

* Woher wissen Sie das?

„Die Leute sehen einen an.“

* Das ist alles?

„Nein.“

Sie lächelt die Stille an.

* Haben Sie nichts zu den Schmähungen gesagt?

„Ich fühlte mich schwach. Das war natürlich eine Ausrede.“

* Sie haben also nichts dagegen unternommen? Das ist nicht Ihre Art.

„Ich telefonierte mit ihm. Aber nicht privat. Ich überschritt sowieso für manche viel zu oft die Grenze zum Persönlichen. Sowas sieht man in dem Hierarchiegefälle nicht gern. Er tat mir so unbeschreiblich leid. Auch, wenn er zu dem Zeitpunkt nicht gerade direkt von seiner Situation gesprochen hat.“

* Hatte er nicht das Vertrauen?

„Er wusste, dass ich wusste. Vielleicht auch damals noch nicht. Aber: Keine unnötigen Silben über öffentliche Leitungen – und dann auch noch an die tieferliegende Ebene. Entweder der Gesprächspartner versteht ganz ohne Worte – oder gar nicht. Und dann ist da noch die Option, dass er versteht und es ausschlachtet…“

Sie liebkost ihren Seidenschal.

„Ich denke aber, das Risiko war ihm relativ gleichgültig. Naiv, würde man es wahrscheinlich nennen. Aber ich weiß, wie das ist. Man kann nicht mehr anders.

– Die Sekretärin wuselte auch noch andauernd um mich herum. Es war schließlich ihr Telefon.“

Sie schnalzt belustigt mit der Zunge.

* Wie kam es dann, dass Sie überhaupt mit ihm telefonierten? Wieso nicht jemand anderes? Die Sekretärin?

„Ich wusste, dass der Bogen nahezu überspannt war. Bevor jemand anderes zu seinem Vorgesetzten gehen konnte, habe ich es getan.“

* Sie haben ihn also verraten? Vorher wusste niemand…?

„Ich habe nur getan, was nötig war. Außerdem verkennen Sie den Ernst der Lage auch für uns. Für mich. Ich war immer sehr praktisch, direkt, erst analytisch denken, dann handeln.“

* Aber warum dann noch ein Telefonat Ihrerseits? Eine formale Terminweitergabe durch die Sekretärin hätte für seinen Vorgesetzten das selbe Ergebnis zu Tage gefördert.

„Bürokratie. Arbeitsineffizienz.Weiß ich’s? Der Chef wollte es so. Die Sekretärin war schlecht organisiert, wie immer. Ich war dankbar darum. “

* Warum?

„Ich war die einzige – nein, ich meinte, ich sei die einzig Qualifizierte. Die anderen waren ignorant. Der Chef – genervt.“

Wäre sie Raucherin, hätte sie jetzt langsam, schweigend eine Zigarette gedreht und angezündet. Genüsslich, absolut in jeder Bewegung.

* Was hat er denn getan?

Oder hätte sie doch eher eine Pfeife gestopft? Konnte sie den Geruch von Tabak überhaupt ausstehen?

„Nun, ich hatte Ahnung. Ohne mich hoch spielen zu wollen. Natürlich nicht im gleichen Maße wie er, aber doch genug um zu merken, dass er so gut wie immer improvisierte. Die fehlende Struktur haben sie bemerkt, aber falsch interpretiert. Sie sagten, er sei oft lasch. Andere erzählten herum, er habe keine Ahnung. Dabei war er sehr gut. Als er nicht befördert wurde, ist nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Es stand sogar gerüchteweise in der Zeitung. Jemand erzählte mir, sie hätten ihm Schweigegeld bezahlt.“

* Interessante Quellen haben Sie da. Aber mich interessiert zuerst etwas anderes. Improvisieren Sie auch?

Sie lächelt.

„Damals immer. Jetzt? Ich weiß nicht. Ich suche ein wenig nach Sicherheit.“

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