Zynisch.

In der ersten Woche der Sprachkurse hatte ich ein Blockseminar. Dass ich dafür meinen Englischkurs nicht besuchte, bereitete mir keine Sorgen, weil ich sonst zuverlässig zu meinen Seminaren gehe. Eine Fehlstunde ist nicht schlimm und außerdem findet der Kurs ja zweimal die Woche statt – ich habe also 6 Mal Fehlen frei.

In der dritten Woche der Sprachkurse musste ich zu meinem Kieferorthopäden. Weil der 800 Kilometer entfernt ist, konnte ich Montag nicht zum Englischsprachkurs. Ich machte mir noch immer keine Sorgen

Am Ende der dritten Woche der Sprachkurse sitze ich mehr hustend als zuhörend im Englischkurs, das ganze Wochenende liege ich im Bett.

In der vierten Woche der Sprachkurse, am Montag, schleppe ich mich zum Arzt, bekomme Antibiotika verschrieben und wanke zurück ins Bett. So langsam mache ich mir Gedanken, weil ich den Kurs nun schon drei Mal verpasst habe und ich ja schließlich etwas lernen will. Ich schaue also auf dem Handout-Zettel nach, was am Montag dran gewesen wäre um es entsprechend nachzuholen und es trifft mich der Schlag vor triefendem Zynismus:

„You are allowed to miss 4 classes  for any reason including but not limited to illness, block seminars, appointments with more important people, excursions, ‚kein Bock‘ or the after effects of ‚gemütliches Beisammensein‘. Please keep this in mind when planning trips or extended illnesses.“

Was den Studierenden hier unterstellt wird, ist ungeheuerlich. Mal ganz abgesehen davon, dass der Lehrer die 80% Anwesenheitspflicht statt wie üblich nicht als 6 sondern 4 Fehlstunden auslegt, bin ich also nicht wirklich krank, ich habe das nur geplant, um zu fehlen, ja? Bevor er die Leute in seinem Kurs überhaupt kennt unterstellt er pauschal allen, sie würden nur jede Gelegenheit ausnutzen um ‚krank‘ zu werden und ja nicht erscheinen zu müssen? Ich glaube es hackt! Mal ganz davon abgesehen, dass jede_r Arbeitnehmer_in krank werden darf und Studierende nur im Ausmaß, das das Credit Point-System verlangt, werde ich jetzt auch noch dafür verhöhnt?  Was ist das eigentlich für ein Menschenbild? Mir ist schon öfter aufgefallen, dass Studierenden generell nicht zugetraut wird, dass sie Verantwortung übernehmen können für ihren eigenen Lernprozess. Was meinen die denn, warum ich so ein Orchideenfach studiere? Um mir durch vorgetäuschte Krankheit einen Lappen zu erschleichen, der mir einen für die Wirtschaft wertlosen BA bescheinigt?

Nun sitze ich also hier und überlege, ob ich den Kurs nicht direkt abbrechen soll. Denn was nützt es mir, die ganzen Aufgaben zu machen, Vorträge zu halten um dann bei einem weiteren Mal Fehlen nicht bestanden zu haben, egal, wie gut meine Leistungen und mein Sprachniveau sind? Es kommt also nur auf die Anwesenheit an? – Ich könnte natürlich trotzdem hingehen und lernen, auch ohne ‚bestanden‘-Bescheinigung. Motivierend für meinen Lernprozess ist das aber nun wirklich nicht.

Advertisements

Ich bin dir komplett verfallen, sagte sie während sie in ihren Bratkartoffeln herummatschte. Das ist schlecht, sagte er, dann dürfen wir uns nicht mehr sehen.

Ein andermal saß sie still auf seinem Bett. Was hast du, frage er, nichts, sagte sie. Wenn ich es sage, willst du mich nicht mehr sehen.

Als sie fort war bezog er das Bett neu, hängte das Lebkuchenherz ab und entfernte die blonden Haare von seinem roten Sofa.

Fermosa

„Der König verliebte sich heftig in eine Jüdin,
die den Namen Fermosa, die Schöne, trug,
und er vergaß sein Weib.“

– Alfonso el Sabio, Crónica General
um 1270

Und dann stieg er doch noch mit in die Straßenbahn, obwohl er doch zum Zahnarzt musste, und dafür die andere Linie nehmen, drückte ihr noch einen letzten Kuss auf die Lippen und nannte sie Fermosa.
Sie, verwirrt, was sie davon halten sollte, klammerte sich an ihre BahnCard.

Häute

Ein Experiment. Entstehungsphase einer Idee.

„Bei ihm wusste ich es sofort.“

* Warum?

„Das kann ich nicht sagen. Ich hatte es einfach im Gefühl.“

* Vielleicht hatten Sie dieses – Gefühl aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit zu ihm?

„Vielleicht.“

Stille. Die Uhr tickt weiter.

* Eine schöne Uhr.

„Ja.“

* Ist das Gefühl beschreibbar?“

„Es war auch ein Einverständnis.“

* Wie soll ich das verstehen?

„Ich spürte, wie es ihm geht. Er sah das.“

* Warum?

„Ich weiß nicht.“

* Wussten es die anderen auch?

„Das ist ein Witz.“

* Ja oder nein?

„Natürlich nicht. Sie haben schlecht über ihn geredet. Wie sie es über mich später auch getan haben.“

* Woher wissen Sie das?

„Die Leute sehen einen an.“

* Das ist alles?

„Nein.“

Sie lächelt die Stille an.

* Haben Sie nichts zu den Schmähungen gesagt?

„Ich fühlte mich schwach. Das war natürlich eine Ausrede.“

* Sie haben also nichts dagegen unternommen? Das ist nicht Ihre Art.

„Ich telefonierte mit ihm. Aber nicht privat. Ich überschritt sowieso für manche viel zu oft die Grenze zum Persönlichen. Sowas sieht man in dem Hierarchiegefälle nicht gern. Er tat mir so unbeschreiblich leid. Auch, wenn er zu dem Zeitpunkt nicht gerade direkt von seiner Situation gesprochen hat.“

* Hatte er nicht das Vertrauen?

„Er wusste, dass ich wusste. Vielleicht auch damals noch nicht. Aber: Keine unnötigen Silben über öffentliche Leitungen – und dann auch noch an die tieferliegende Ebene. Entweder der Gesprächspartner versteht ganz ohne Worte – oder gar nicht. Und dann ist da noch die Option, dass er versteht und es ausschlachtet…“

Sie liebkost ihren Seidenschal.

„Ich denke aber, das Risiko war ihm relativ gleichgültig. Naiv, würde man es wahrscheinlich nennen. Aber ich weiß, wie das ist. Man kann nicht mehr anders.

– Die Sekretärin wuselte auch noch andauernd um mich herum. Es war schließlich ihr Telefon.“

Sie schnalzt belustigt mit der Zunge.

* Wie kam es dann, dass Sie überhaupt mit ihm telefonierten? Wieso nicht jemand anderes? Die Sekretärin?

„Ich wusste, dass der Bogen nahezu überspannt war. Bevor jemand anderes zu seinem Vorgesetzten gehen konnte, habe ich es getan.“

* Sie haben ihn also verraten? Vorher wusste niemand…?

„Ich habe nur getan, was nötig war. Außerdem verkennen Sie den Ernst der Lage auch für uns. Für mich. Ich war immer sehr praktisch, direkt, erst analytisch denken, dann handeln.“

* Aber warum dann noch ein Telefonat Ihrerseits? Eine formale Terminweitergabe durch die Sekretärin hätte für seinen Vorgesetzten das selbe Ergebnis zu Tage gefördert.

„Bürokratie. Arbeitsineffizienz.Weiß ich’s? Der Chef wollte es so. Die Sekretärin war schlecht organisiert, wie immer. Ich war dankbar darum. “

* Warum?

„Ich war die einzige – nein, ich meinte, ich sei die einzig Qualifizierte. Die anderen waren ignorant. Der Chef – genervt.“

Wäre sie Raucherin, hätte sie jetzt langsam, schweigend eine Zigarette gedreht und angezündet. Genüsslich, absolut in jeder Bewegung.

* Was hat er denn getan?

Oder hätte sie doch eher eine Pfeife gestopft? Konnte sie den Geruch von Tabak überhaupt ausstehen?

„Nun, ich hatte Ahnung. Ohne mich hoch spielen zu wollen. Natürlich nicht im gleichen Maße wie er, aber doch genug um zu merken, dass er so gut wie immer improvisierte. Die fehlende Struktur haben sie bemerkt, aber falsch interpretiert. Sie sagten, er sei oft lasch. Andere erzählten herum, er habe keine Ahnung. Dabei war er sehr gut. Als er nicht befördert wurde, ist nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Es stand sogar gerüchteweise in der Zeitung. Jemand erzählte mir, sie hätten ihm Schweigegeld bezahlt.“

* Interessante Quellen haben Sie da. Aber mich interessiert zuerst etwas anderes. Improvisieren Sie auch?

Sie lächelt.

„Damals immer. Jetzt? Ich weiß nicht. Ich suche ein wenig nach Sicherheit.“

Häute II

Geht es Ihnen heute besser?

„Wohl kaum. Ich kann nicht schlafen.“

Warum?

„Warum, warum. Ich will auch nicht.“

Haben Sie Albträume?

„Manchmal.“

Erzählen Sie mir davon.

„Ich falle.“

Wo? Wie?

„Ich falle. Um mich ist alles schwarz.“

Haben Sie Angst?

„Eigentlich nicht.“

Ist es dann ein Albtraum?

Sie schaut kurz resigniert auf.

„Ich dachte, so müsste ein Albtraum sein. Nicht wissen, wo man ist und wo man landet.“

So ist sie nicht und das weiß sie. Noch vertraut sie mir nicht.

zweigeteilt.

eine fortsetzung.

Krümm mich  vor dir

zwischen uns fällt der Regen

Will dich umarmen

kann nicht.

Wütend schreien?

meine Augen

singen nur leise

ihr eignes Lied.

Heute standen wieder

die Zeugen Jehovas vor der Tür

‚Wollen Sie eine Antwort?‘

Was ist die Frage?

’s schüttelt mich

unaufhörlich dreh mich

fort

Halt mich.

Nass kalt

in deinem Herzen

noch warm gewesen

sagst du rufst du schreist du?

Bin ich taub?

Bin ich taub.

Verstehn, dich

verletzt, mich

will dich

ganz ist gar nicht.

Sieh mich

auf dem Boden

verstreute Sachen

packend.

Lächelnd? Weinend?

Lachend.

Wo ist deine Hand?